- Text zu der Arbeit projekt_Titelschild 

Ein bisschen aus der Zeit gefallen wirkt das massive Möbel des Vitrinenkastens, doch noch mehr aus dem Raum; Augenblicklich fühlt man sich in naturhistorische, Museale Sphären versetzt, in denen in solchen Kästen normalerweise unzählige kleiner ethnologischer oder naturkundlicher Objekte lagern. Meist aber eher im Archiv auf ihren Einsatz wartend, ist dieser Kasten ein wenig wie eine Schatztruhe, die die Hauptattraktionen einer Ausstellung behütet: die Exponate. Die Beschriftung spielt dabei meist eine marginale Rolle, sie gehört nicht zum Kunstwerk, dient allein einer objektiven Orientierung - Maße, Titel, Entstehungsjahr - sie ist eine notwendige Randnotiz. Joong Yong Kim hat nicht die Objekte selbst, sondern sie Titel dieser in den Vordergrund gerückt. Wider Erwarten finden wir in dem Vitrinenkasten eine Auswahl unzähliger Schildchen mit Werktiteln, Maßen und Entstehungsjahren: das Title Archive. Beim Lesen der Schilder finden wir uns in einer Welt voller imaginärer Werke wieder.

 Der Historiker Olivier Saillard sagte einmal: ,,Das Museum ist der letzte freie Raum.’’ Nirgendwo anders schauen wir uns Dinge so genau, so lange, so losgelöst vom Kontext an. Wir nehmen Dinge im musealen Kontext als Kunst wahr, versuchen in ihr, die Intensionen des Künstlers zu lesen, Bedeutung zu finden, Verbindungen zu knüpfen. Joong Yong Kim beschäftigt sich durch das Title Archive mit der Frage, ob allein der Museale Kontext und Zuschreibungen Dinge zu Uns werden lassen. ,,Vielleicht hat ein Kunstwerk an sich keine Bedeutung. Es steht niemals allein ohne sie Bedeutungen.’’ Sagt er. Neben dem Vitrinenkasten finden wir eine Reihe drapierter Alltagsgegenstände - Eimer, Kerze, Klebeband, Folie, Maßband, Holzkohle. Joong Yong Kim hat diese am Abend der Ausstellungsöffnung in einer performativen Aneignung des Raums angeordnet, gestapelt, zueinander in Beziehung gesetzt. Was der Installation zunächst fehlte? Der Titel, die Relation zum musealen Kontext, welcher die Alltagsgegenstände Kunst werden lässt. Man nehme sich ein Schild und konstruiere ein Werk.

Joong Yong Kim löst die inhärente Verbundenheit von Werk und Titel, also der zugehörigen Information. In Title Archive hat das Kunstwerk selbst keine Bedeutung, allein seine äußeren Bedingungen, seine Maße, das Jahr, ein scheinbar wahlloser Titel, sind bedeutend. Der Künstler denkt das als selbstverständlich wahrgenommene Verhältnis auf und rekonstruiertet es, indem er ein von Werken losgelöstes, selbstständiges Titel-Archiv schafft. Damit stehlt er nicht nur die Frage: Was war zuerst da, das Werk oder der Titel? Er dekonstruiert auch den musealen Raum, dessen Konstrukt nicht nur durch Konzepte wie den Weite Cube funktioniert, sondern auch durch gewisse, ungeschriebene Ordnungsmuster - wie der Zusammengehörigkeit von Werk und Titelschild. Die Beliebigkeit seiner Werktitel, nach denen der Künstler die ,Werke’ schafft, deckt ebenfalls die Absurdität dieser Beziehung auf.